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Aiguille Verte, Whympercouloir
Tour 287 4121 m Aiguille Verte, Whympercouloir Mont-Blanc-Gruppe Eiswand 55°/AD 11.04.07    

Ein von allen Seiten schwieriger Berg www.sirdar.de

Ausgangspunkt:

Bahnstation Montenvers (1909m)

Anfahrt von München:

München - Chamonix über Martigny = ca. 600km. Kostenfreier Parkplatz direkt in Chamonix bei der Montenvers-Zahnradbahn.

Stützpunkt:

Refuge du Couvercle (2687m)
Die alte Hütte unter einer Granitplatte dient als Winterraum und bietet ca. 20 Lager mit Decken. Holz bzw. Kohle wird angeblich bereitgestellt. Im April war davon allerdings nichts mehr übrig. Dafür umso mehr halbleere Gaskatuschen. Es gibt keine Töpfe. Es muss Schnee geschmolzen werden. Bei guten Bedingungen kann es ziemlich voll werden, auch im Winter!

Zustieg (ca. 3.5h von der Montenvers-Bergstation):
(Beschreibung des Zustiegs mit Skiern)
Von der Bahnstation (erste Bahn morgens um 9 Uhr) einige Höhenmeter hinab auf das Mer de Glace. Dazu wurden in die vom Gletscher glattgeschliffenen Granitplatten Leitern angebracht. Nun im Aufstiegssinn eher auf der linken Seite flachansteigend das Mer de Glace hoch. Links auf den Glacier de Leschaux (die Nordwand der Grandes Jorasses dient als eindrücklicher Wegweiser).
Man geht auf dem Gletscher um die Felsläufer des langen von der Aiguille Verte ausgehenden Südgrates herum, bis sich mittels eines steilen, schneegefüllten Couloirs eine Lücke in der Felsbastion auftut. Durch das Couloir hoch auf einen Ausläufer des Glacier de Talefre. Links unterhalb der Aiguille du Moine schließlich das Refuge du Couvercle.
Im Sommer führen Steiganlagen vom Glacier de Leschaux zur Hütte.

Refuge du Couvercle: N 45.91059° E 6.96609°

Route:

Aiguille Verte, Whympercouloir
Zum Einstieg (2.5h):
Von der Hütte nicht auf den Gletscher absteigen, sondern direkt links zu einem Sattel unterhalb der Aiguille du Moine hoch und immer im unangenehm nach rechts hängenden Gelände der Felswand folgen. So geht man den ganzen Bogen des Gletscherkessel aus und gelangt schließlich direkt unter das Whympercoulior.
Whympercouloir (3-5h):
Erstes Problem, der Bergschrund. Bei uns fand sich ganz links der einzig mögliche Übergang. Darüber nicht gleich aufsteigen, sondern eher direkt nach rechts zur gegenüberliegenden Begrenzung des Couloir queren. Hier im Aufstiegssinn am rechten Rand führt ein kleines Sekundärcouloir nach oben. Dieses kann je nach Bedingungen bis zum Ende verfolgt werden oder man steigt nach ca. 20m im Couloir gleich links auf eine Firnrippe aus. Über dem Sekundärcouloir weitet sich das Gelände. Man hält in direkter Linie auf ein paar Felsinseln zu. Der Schlußteil des Whympercouloirs wird sichtbar, links (Aufstiegssinn) um die Felsausläufer von der Grande Rocheuse steigt man in die Schlußrinne ein und verfolgt diese bis zum Ausstieg am Grat. Nun den ausgesetzten, schmalen Firngrat verfolgen und in wenigen Minuten bis zum höchsten Punkt.
Abstieg: Entlang der Aufstiegsroute. Abseilstellen sind im ganzen Couloir eingerichtet. 2x55m Seile sind jedoch zwingend erforderlich, um durchweg abseilen zu können. Es sollte etwas Material mitgeführt werden, um Abseilstellen ausbessern zu können.

Aiguille Verte: N 45.93457° E 6.97001°

Aiguille Verte, Whympercouloir
Aiguille Verte, Whympercouloir

Charakter:

Im Whympercouloir braucht es gute Verhältnisse, die sich vor allem im Frühjahr einstellen dürften. D.h. durchgehend Firnauflage und die Tage nicht zu warm, ansonsten hat man Steinschlag und Nassschneerutsche zu fürchten. Anfang April war der Großteil des Couloir bis 11 Uhr im Schatten. Wandhöhe beträgt ca. 600 Hm, die steilsten Stellen weisen 55° Neigung auf. Die Durchschnittsneigung ist relativ hoch, es gibt kaum flachere Passagen.
Ist das Whympercouloir zu sehr ausgeapert, sollte man sich unbedingt eine andere Route aussuchen. Abgeseilt wird am Couloir-Rand, so dass man hier relativ sicher vor von oben kommenden Geschossen ist. Nur die letzten Meter durch das Sekundärcouloir bewegt man sich genau in der Hauptschusslinie.

Karte:

IGN 3630 OT "Chamonix, Massif du Mont Blanc", 1:25000

Führer:

Harmut Eberlein "AV-Führer Mont-Blanc-Gruppe", Bergverlag Rudolf Rother, 9. Auflage 2000, München
Pause "Klassische Alpengipfel", BLV Verlagsgesellschaft, 1986 München

Link:

www.bielefeldt.de


Openstreetmap: Aiguille Verte
Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende, SRTM | Kartendarstellung: © OpenTopoMap (CC-BY-SA)

Titel: Hauptprüfung zum Alpinisten bestanden (Wertung:ausreichend)
Bergspezln: Woife

"Schwierigster Viertausender der Alpen"
"Die Aiguille Verte macht einem zum richtigen Alpinisten"
Lauter Zitate von Größen des Bergsports. Anspruchsvoll ist der Berg, dass kann ich unterschreiben. Und anstrengend, genau, wirklich anstrengend. Ein Schinder möchte man sagen. Der Normalweg geht durch das Whympercouloir, reine Schneestapferei über 600 Höhenmeter. In dem Sinn eigentlich alles andere als schwierig. Mit vorhanden Spuren im Firn ist das im Endeffekt eine sehr steile, endlose Treppe. Nur 55° ziehen doch gewaltig nach unten. Die Route wird ja schon seit Jahren totgeschrieben, aber sie geht immer noch. Nur halt zu einer anderen Jahreszeit wie früher.
Das erste Mal in Chamonix. Zum ersten Mal der legendäre Blick mit eigenen Augen von Montenvers das Mer de Glace hinunter bis hinter zur Nordwand der Grandes Jorasses. Den schweren Rucksack geschultert und hinab ins Märchenland. Leitern führen dorthin. Endlos geht es über glattgeschliffene Granitplatten hinab, bevor man den Gletscher betritt. Dort rauschen erstmal die ganzen Tourenskifahrer von der Aiguille de Midi vorbei. Immer schön im Pulk, so wie sie an der Bergstation entlassen wurden.
Leicht ansteigend folgen wir dem Gletscherlauf. Der Blick weitet sich, ein riesiger Kessel mit steilen Felsnadeln und Gletschern dazwischen. Riesige Eisbrüche. Dort oben der steile Zahn namens Dent de Geant. Unser Ziel lautet Refuge du Courvercle. Die alte, als Winterraum dienende Hütte sieht aus wie eine Bauarbeiter-Schachtel und wurde direkt unter eine riesige Granitplatte gestellt. Die Aussicht ist genial. Direkt gegenüber die Nordwand der Grandes Jorasses mit Walkerpfeiler. Den Kopf nach rechts gedreht und der Mont Blanc samt Trabanten versperrt den Horizont. Tja, und links das fehlende Glied zum Dreigestirn, die Aiguille Verte, das Whympercouloir bestens einzusehen.
Blick aus dem Couloir zum Mont Blanc Zu unchristlicher Zeit, halb zwei Uhr morgens marschieren wir los. Es ist stockdunkel. Der Mond wird erst sehr viel später über der Grandes Jorasses aufgehen. Wir folgen den Spuren durch unbekanntes Gelände. Im Dunkeln unangenehm steil und immer nach rechts hängend. Man folgt einem Felskranz der den Glacier de Talefre einkesselt. Nach 2.5 Stunden stehen wir am Beginn des hier sehr breiten Whympercouloirs. Skidepot. Wir vermuten den besten Übergang über den Bergschrund ganz rechts, doch dort geht nichts. Ein breiter Schlund mit meterhoher Eiswand dahinter versperrt den Weg. Also die ganze Breite des Couloirs nach links gequert und am anderen Ende findet sich schließlich der ersehnte Durchschlupf. Wir müssen nun überhalb des Bergschrundes wieder zurück zur jenseitigen Begrenzung. Leicht ansteigend gehe ich voran. Ein Fehler. Schon sind wir zu hoch über dem Einstieg zu einem Sekundärcouloir. Das merken wir jedoch erst, als uns ein Felsriegel vor der nach oben führenden Firnrampe trennt. Zwischendurch macht das Whympercouloir seinem Ruf alle Ehre und schickt mehrere Wurfgeschosse über unsere Köpfe hinweg. Verhauer, es ist kalt, es ist finster, ich bin müde. Unlust macht sich breit, was tue ich hier? Da kann hochsteigen wer will, mir langts. Ich teile dies Woife mit und es gelingt mir ihn zu überzeugen, die Sache abzublasen. Wir seilen ab.
Doch nach nicht mal zehn Meter tut sich unerwartet ein leichter Durchschlupf zum richtigen Weg auf. Woife packt der Ehrgeiz und nun ist es an ihm mit der Überzeugungsarbeit. Nun gut, was solls, wenn wir schon mal hier sind. Also weiter hoch durch den engen Schlauch. Die einfache Variante links über eine Firnrippe übersehen wir. Stattdessen folgen wir dem Sekundärcouloir bis zum Ende. Und siehe da, ein paar Meter über mit dickem Eis überzogenen Fels machen sogar Spass.
Inzwischen wird es hell. Für die allseits niedergeschriebene Doktrin, bis neun Uhr sollte man aus dem Couloir wieder raus sein, sind wir viel zu langsam. Speziell ich bin konditionell am Ende. Nur mehr meterweise geht es voran. Der Wind bläst von oben Eiskristalle vom Fels, man fühlt sich wie in einem Hagelsturm. Doch der Himmel ist blau, die Sonne strahlt. Aufgeben gilt jetzt nicht mehr. Da wir nun eh zu spät dran sind, haben wir alle Zeit der Welt, bis die Sonne nachmittags wieder aus dem Couloir verschwindet und sich der Firn verfestigt. Und die nutzen wir. Mühsam kämpfen wir uns also nach oben. Schritt für Schritt. Wir sichern durch, obwohl man bei besten Firn auch seilfrei gehen könnte. Doch die Erschöpfung ist allgegenwärtig. Dankbar nehmen wir die vielen als Abseilstellen gedachten Fixpunkte an den Felsen zum Standplatzbau an.
Noch fünf Meter zum Ausstieg am Grat. Es ist warm. Ich schaue über die Kante und tatsächlich, endlich findet das Couloir sein Ende. Die Aussicht dagegen öffnet sich. Unglaublich. All die bekannten Westalpenberge sind auszumachen und natürlich das Mont-Blanc-Gebiet zu unseren Füßen. Den schmalen Firngrat zum höchsten Punkt bewältigen wir auch noch und fallen regelrecht auf die Knie, aus purer Erschöpfung versteht sich.
Immer wieder erstaunlich ist es, wie schlagartig die Kräfte zurückkehren, wenn es denn dann doch an den Abstieg geht. Wir seilen durch das ganze Couloir ab, was zwar lange dauert, aber das ist uns egal. Der Tag ist noch lang und die jetzt hochstehende Sonne zeigt wenig Wirkung auf den immer noch ziemlich festen Firn. Der Rest geht auch noch und wir wanken spätnachmittags wieder in die Hütte.

Soweit die Geschichte, die wir einst unseren Enkeln erzählen werden. Sind noch die Jungspunde zu erwähnen, die sonst so hier in den Couloirs rumspringen. Wahnsinn, mit welcher Leichtigkeit die sich auf und ab durch die Rinnen bewegen. Da kann unser einer nur träumen davon und sich Sprüche anhören wie, "Schon zehn Jahre mit dem Studium fertig? Dann hast dich aber gut gehalten ..." Danke, aber mein Seil vergeß ich noch nicht daheim, wie einer dieser Jungspund-Bergführer, der die Dreistigkeit besitzt uns mitten in der Nacht deswegen auch noch aufzuwecken. Habs ihm nicht gegeben.

Nachtrag (08.09.2008):
Bevor mich jetzt noch mehr Nachrichten aus Innsbruck erreichen, möchte ich hier etwas klarstellen:
Der "Jungspund-Bergführer" war ein Schweizer. Da wir noch eine Nacht länger auf der Hütte verweilten, ereignete sich die "Seilgeschichte" zu einem Zeitpunkt, da die Gruppe aus Innsbruck (eindrucksvolles Anschauungsobjekt für Verhaltensbiologie, viel zu viele Gockel und nur zwei Hennen ... ;-) bereits weiter gezogen war.
Nein und nochmals nein, mitten im vergletscherten Gebiet geb ich mein Seil nicht her. Außer, mir spendiert jemand nen Heli ins Tal.

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